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  Wie ist Tibet vom Buddhismus gepraegt?
Das Bardo
Die chinesische Okkupation
   
 

mandala

Tibetisches Mandala
"Mandala" bedeutet schlicht "Kreis".
Ein Mandala ist eine symbolische
Darstellung kosmischer Kraefte.
Es kann zwei- oder dreidimensional
sein und dient als Mittel zur Visualisierung
und Meditation.
Mandalas finden sich in vielen Kultur-
Kreisen in weiten Teilen der Welt, auch
im christlichen Europa.
 
 
 
 
 
 
 
 
 

     

Wie kaum ein zweites Land ist Tibet vom Buddhismus gepraegt. Die Lehre Buddhas kam in zwei Wellen (7.-8. Jahrhundert und 10. Jahrhundert n. Christus) ins Land der Himalaya-Gipfel, im Rahmen eines umfassenden Kulturtransfers, vor allem aus dem indischen, aber auch dem chinesischen Raum.

Beide buddhistischen Traditionen leben in Tibet fort, wenn auch der Einfluss des indischen Buddhismus sich gegenueber der chinesischen Variante des Dharma in Tibet als staerker erwies.

Der Legende nach unterwarf der indische Tantriker Padmasambhava (fuer die Tibeter: "Guru Rinpoche") auf seinem Wege nach Tibet die Goetter der alteingesessenen Boen-Religion und gliederte sie in das buddhistische Pantheon ein.

Beeinflusst durch das hinduistische Tantra, entstand in Tibet eine vielfaeltige eigenstaendige Tradition des tantrischen Buddhismus. Tantra bedeutet "Gewebe" oder Vernetzung. Das Tantra teilt die Welt, aehnlich der Yin-und-Yang-Lehre des Tao, in die gegensaetzlichen Pole des "Maennlichen und des "Weiblichen" ein. Das Ziel des spiritellen Weges besteht in der Vereinigung dieser beiden Pole. Das Besondere am Tantra ist, dass die gesamte Wirklichkeit sakralen Charakter besitzt. Dies bedeutet, dass nichts als "prinzipiell unrein" betrachtet wird, sondern sogar sonst im Buddhismus "Verbotenes" (z.B. Fleischgenuss, Sex, Rauschmittel) unter bestimmten Umstaenden zum Mittel der Befreiung werden kann.

Das Ziel des tantrischen Buddhismus ist es, alle koerperlichen, geistigen und seelischen Kraefte auf verschiedene Art und Weise in "Erleuchtungsenergie" umzuwandeln. Der in Tibet in unterschiedlichen Schulen gelehrte Buddhismus sieht folgenden dreifachen Stufenweg zur Erleuchtung vor (mit unterschiedlicher Gewichtung je nach "Schule"):

Die erste Stufe, das Hinayana ("kleines Fahrzeug") zielt v.a. auf die Beruhigung des Geistes und die Freiheit von inneren Bindungen ab. Diese Stufe aehnelt der bereits seit dem Theravada praktizierten Achtsamkeits-Meditation (siehe Theravada-Seite). Im Sinne des Tantra will der tibetische Buddhist seine Emotionen hierbei nicht loswerden, sondern sie transformieren und als Energiequelle fuer die spirituelle Suche nutzen.

Die zweite Stufe wird Mahayana genannt. (siehe Mahayana-Seite.) Hier steht insbesondere die Schulung in liebevoller Guete im Vordergrund.

Die dritte Stufe ist das Vajrayana ("Unzerstoerbares Diamant-Fahrzeug") oder Tantrayana. Auf dieser Stufe des Pfades werden besonders fortgeschrittene Schueler von ihren Gurus (Lehrern) in tantrische Praktiken eingeweiht, die es ihnen ermoeglichen sollen, in nur einem Menschenleben die Befreiung zu erlangen.

Der Guru oder Lama (tibetisch, "Lehrer") spielt eine besondere Rolle in diesen Richtungen des Buddhismus. Der Schueler muss ihm unbedingten Gehorsam, Vertrauen und Zuneigung entgegenbringen, im Austausch gegen die Gabe der Lehre an den Schueler. Das Tantra umfasst eine große Zahl komplexer Meditationen, Visualisierungen, Mantra-Rezitationen, Mudras (symbolische Handgesten) und viele spezifisch tibetische Yoga-Praktiken. So sollen die Uebenden z.B. ueber ihre persoenliche Gottheit meditieren, um die spirituellen Kraefte, die sie symbolisiert, (z.B. Weisheit, Liebe o.a.) selbst zu entwickeln.

"Die hoechste Form des Vajrayana besteht in der Nutzung der subtilen Lebensenergien des Koerpers fuer die Wandlung des Geistes."

(Zitiert aus: Mary Pat Fisher, Religionen Heute, Koeln 1999, S.150)

 

 
     
     
     
      Om Mani Padme Hum OM MANI PADME HUM
Das in Tibet am haeufigsten rezitierte Mantra ist
Avalokiteshvara gewidmet (s.o.).
Mantra bedeutet "Schutz des Geistes". OM ist
der Urlaut, der dem Meditierenden die Essenz
der Welt erschließen kann. (Das christliche Amen
hat sich aus OM entwickelt.)
           
     

Das Bardo

Im Zusammenhang mit dem eben angefuehrten Zitat ist auch das sogenannte "Tibetische Totenbuch" (Bardo Thoedol, eigentlich: "Buch von der spontanen Befreiung im Zwischenzustand") zu sehen.

Das "Totenbuch" ist natuerlich kein Buch fuer die Toten, sondern fuer die Lebenden. Das Bardo Thoedol und die mit ihm verbundene meditative Praxis legt den Sterbeprozess genau dar. Sein Ziel ist es, den Sterbenden die Angst vor dem Tod zu nehmen, vor allem aber, den Lebenden durch die meditative Erfahrung des Sterbeprozesses eine tiefgehende spirituelle Reifung zu ermoeglichen.

Wer den Bardozustand meditativ durchlebt hat und die Lehre Buddhas erkannt und umgesetzt hat, dem ermoeglicht das Bardo nach tibetisch-buddhistischer Auffassung die spontane Befreiung im "Zwischenzustand" (= dem Zustand zwischen "Tod" und Wiedergeburt), also vollkommenes Nirvana, vollkommenes Glueck.

Als Quellen fuer die Kenntnis des Sterbeprozesses dienen einerseits Berichte von "medizinisch Toten", die vom Tod zurueckgekehrt sind, und anderseits die Erkenntnisse von Generationen an erfahrenen Meditierenden, die sich an den Zwischenzustand zwischen zwei Leben erinnert haben.

Dem westlich gepraegten Menschen faellt es zunaechst schwer, an Wiedergeburt oder sogar eine Erinnerung an fruehere Leben zu glauben. Das entspricht aber einer einseitigen Sichtweise, die das Leben nicht als unaufhoerlichen Strom erkennt. Der herausragende deutsche Buddhismus-Kenner Lama Anagarika Govinda meinte hierzu:

"Die meisten Menschen im Westen stehen auf dem Standpunkt, dass niemand, der nicht selber schon gestorben ist, mit Autoritaet ueber den Tod sprechen kann, und dass es, da noch niemand von den Toten zurueckgekehrt ist, unmoeglich sei, ueber den Tod etwas auszusagen.

Die Weisen des Osten antworten: Es gibt keinen einzigen Menschen, der nicht von den Toten zurueckgekehrt ist. In der Tat, wir alle sind viele Tode gestorben, bevor wir in dieses Leben traten. Denn was wir Geburt nennen, ist nichts anderes als die andere Seite des Todes, ein anderer Name fuer den selben Vorgang, vom entgegengesetzten Standpunkt aus gesehen. Es ist in der Tat verwunderlich, dass nicht jeder sich seines letzten Todes erinnert, und dies ist der Grund, warum die meisten Menschen nicht an ihn glauben.

Aber in gleicher Weise erinnern sie sich auch nicht ihrer Geburt - und dennoch zweifeln sie nicht einen Augenblick, dass sie geboren wurden!"

(Lama Anagarika Govinda, Buddhistische Reflexionen. Ueber die Bedeutung des Buddhismus fuer den Westen, Frankfurt/Main, 1990)

       
     

photo: Potala Der Potala in Lahasa
Kloster-Palast
der Dalai Lamas
Mit freundlicher Genehmigung
des © Linden-Museums Stuttgart

       
     

Seit der chinesischen Okkupation Tibets im Jahre 1951 wird der Buddhismus dort gewaltsam unterdrueckt. Schaetzungsweise ein Sechstel der tibetischen Bevoelkerung wurde ermordet, Hunderttausende mussten ins Exil fliehen, so auch der 14. Dalai Lama, das geistige und ehemals auch politische Oberhaupt Tibets.

Buddhistische Kloester und Schriften wurden zerstoert und die freie Ausuebung der Religion bis heute zum Teil massiv behindert. Der tiefen Spiritualitaet des tibetischen Volkes tat dies jedoch keinen Abbruch.

Aufgrund der chinesischen Siedlungspolitik und Zwangs-"Modernisierung" des Landes jedoch sind die Tibeter heute eine Minderheit im eigenem Lande. Ihre einzigartige Kultur droht auszusterben oder zu einem folkloristischen Detail zu verkommen.

Ironischerweise hat jedoch gerade die ruecksichtslose Unterdrueckung des Buddhismus in Tibet zur zunehmenden Popularitaet buddhistischer Lehren weltweit gefuehrt, insbesondere auch im Westen. Nicht zuletzt aufgrund des unermuedlichen gewaltfreien Kampfes des Dalai Lama fuer die Freiheit Tibets und fuer den Dialog zwischen den Voelkern, Kulturen und Religionen.

Zahlreiche tibetische Lamas haben - gezwungenermassen - die Lehre des Buddha in den Westen gebracht, wo sie eine neue, zeitgemaeße Form angenommen hat bzw. gerade annimmt. Man koennte meinen, die alte Prophezeiung des grossen indischen Gelehrten Padmasambhava erfuelle sich nun:

"Wenn der Eisenvogel durch die Luefte fliegt, wird der Dharma westwaerts gehen."

 

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